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Frau Hitt

Frau Hitt

Aber die Riesenkönigin war hochmütig und hartherzig und wurde von ihren Untertanen mehr gefürchtet als geliebt. Als Frau Hitt eines Tages auf ihrem Pferd einen steilen Pfad hochritt, trat eine Bettlerin mit ihrem Kind an den Wegrand. Die arme Frau streckte der Königin bittend die Hand entgegen: „Habt Mitleid, Herrin – schenkt mir ein Stück Brot für mein Kind!“


Da brach die Frau einen Stein aus dem Fels, reichte ihn der Bettlerin und höhnte: „Da habt ihr euer Brot!“ Die Bettlerin ließ den Steinbrocken zu Boden fallen und rief voller Zorn: „Hart wie Stein ist dein Herz, Frau Hitt, und zu Stein sollst du werden!“Die Riesenkönigin lachte nur über den Fluch, stieß die Bettlerin grob mit ihrem Ross zur Seite und ritt unbeirrt weiter empor zu ihrer Burg. Mitgefühl, Geduld und Zärtlichkeit kannte die grausame Frau Hitt nur für ihren kleinen Sohn. Ihn verwöhnte und verhätschelte sie sehr und erlaubte ihm alles zu tun, was er wollte. Eines Tages spielte der Junge in Begleitung eines Waldhüters im nahen Bannwald. Da entdeckte er ein besonders schönes und schlankes Tannenbäumchen und rief: „Das will ich haben! Daraus mache ich mir ein Steckenpferd!“
Der Waldhüter aber entgegnete: „Lasst den Baum bitte stehen, junger Herr! Den Bauern ist der ganze Bannwald heilig. Er soll ihre Höfe vor den Lawinen und Muren schützen.“Das Riesenkind aber herrschte seinen Begleiter an: „Halt den Mund! Ich bin der Sohn der Königin! Ich tue, was ich will!“ Wütend lief der Junge selbst zum Tännlein hin und wollte es mit aller Kraft knicken. Doch das biegsame Holz schlüpfte ihm durch die Hände, der Stamm schnellte zurück und schleuderte das Riesenkind ins Moor. Triefnass und über und über von schwarzem, übelriechendem Moor bedeckt, krabbelte der kleine Königssohn aus dem Sumpfloch und lief jämmerlich heulend heim zu seiner Mutter. Frau Hitt tröstete das schluchzende Kind und befahl ihrem Diener: „Entkleide den Jungen und säubere ihn mit weichen Brotkrumen, damit seine zarte Haut nicht wund wird.“
Als der Kammerdiener erschrocken die Augen aufriss und seinen Ohren nicht zu trauen glaubte, schrie Frau Hitt ihn an: „Hast du mich nicht verstanden? Hol die Brotkrumen, aber sofort!“Kaum hatte der verängstigte Diener mit der Säuberung des Königssohnes begonnen, da erschütterte ein unerhörter Donnerschlag das Riesenschloss und grelle Blitze durchschnitten die Luft. Gewaltige Stein- und Schlammlawinen wälzten sich von den Bergen herab und eine entsetzliche Finsternis fiel über das Land.Als der Himmel wieder aufklärte, war aus dem blühenden Reich der Riesenkönigin eine öde, leere Wildnis geworden. Der Fluch der Bettlerin hatte sich erfüllt. Frau Hitt und ihr Riesensohn waren in graue Felsgestalten verwandelt, die für alle Zeit als steinernes Mahnmal auf der Nordkette über Innsbruck thronen.

Quelle: Brot und Sagen

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Gitte Herden ()

Interessiert an Streetfotografie, Naturfotografie u.v.m. Musik und Lesen

Website: http://gittes-fotoappar.at

2 thoughts on “Frau Hitt (und Sage)”

  1. Hallo liebe Gitte,

    eine schöne Geschichte und ein noch schöneres Bild. Bei Euch ist ja schon richtig Winter. ich wünsche Dir einen schönen ersten Advent. LG Ute

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